Samstag, 30. August 2014

Hey, Freunde.

Ich bins mal wieder. Also die ersten 4 Tage gingen wie erwartet schnell rum und es ist sehr viel passiert. Dieser Blog könnte also länger werden. ;)

TAG 2
Nachdem ich den Schock des ersten Tages und die erste Nacht den Umständen entsprechend überstanden hatte, ging der 2. Tag los. Ich bin ziemlich früh aufgewacht, da der nette Herr unter mir schnarcht die ein menschenfressendes Monster. Nachdem ich den provisorischen Blogeintrag per Handy gemeistert hatte, ging ich dann raus, war im Hostel frühstücken und halb 1 (wir wollten ja eigentlich ausschlafen, aber Dank des netten Chinesen unter mir war das nicht drin) habe ich mich mit Liu Tong, Philipp und Stefan getroffen.
Wir fuhren dann zum Campus der Renda (kurz für 人民大学 renmin daxue, Renmin Uni) und haben uns bei wie immer 30°+ durch den Gebäudekomplex, der locker das Zentrum Leipzigs in sich tragen konnte, führen lassen und obwohl ich die Auslandsstudentenwohnheime (留学生宿舍 liuxuesheng sushe) nicht von innen gesehen habe, muss ich sagen, dass der Campus sehr schön, still, gefüllt mit Natur, Supermärkten, einer riesigen monumentalen Sporthalle, Restaurants und und und ist. Das Hauptgebäude, in dem sich das Fremdspracheninstitut, die Juristerei und viele große Fakultäten befinden, könnt ihr hier im Bild sehen. 
Hauptgebäude der Renda

Anschließend waren wir dann noch in einem der dortigen Restaurants und aßen zu 4. mit Getränk, Hauptspeise und Nachtisch und bezahlten zusammen keine 80 Yuan, das macht knapp 8€ für alle 4 – schöner Preis und zudem noch normal hier. Danach fuhren wir zum 后海 houhai, einem See umgeben von den 胡同hutong, den traditionellen Wohngebieten Pekings, und vielen Restaurants, an denen wir entlangschlenderten und es allerlei zu sehen gab.
Ein kleiner Ausblick bietet sich euch auf dem Bild.

Abends waren Stefan, Philipp und ich dann noch in einem vegetarischen Restaurant, in dem es Essen gab, bei dem wir wirklich lange überlegen mussten, ob es nicht wirklich Fleisch war. Aber die Chinesen haben es eben drauf.. Danach voll und erschöpft ging es für mich wieder ins Hostel, wo mich eine noch weniger tolle Nacht erwartete.

TAG 3
Dann brach der dritte Tag an. Mit wenig Schlaf und leichten Verspannungen, da die Matratzen hier hart wie Stein zu sein scheinen, machte ich mich mit den Jungs auf den Weg zur 七九八 qijiuba, wörtl. 798, dem Künstlerviertel Pekings. Dort gab es Bilderausstellungen, zum Teil vollkommen verdunkelte Hallen gefüllt mit abstrakten Künsten, Filmen und Skulpturen, wie z.B. auf dem Bild hier.

Nachdem wir uns dort aufgehalten haben, fuhren wir per Bus irgendwo hin, bis wir spontan ausstiegen, um essen zu gehen. Auf dem Weg dahin hatte ich einen kleinen Besuch auf der bisher ekelhaftesten Toilette meines Lebens gehabt und nachdem wir aßen, fuhren wir zum Jingshan-Park 景山公园 jingshan gongyuan, der ehemalige Kaiserpark, welcher mitten im Zentrum der Stadt liegt und dennoch vollkommen still ist. Gegen abends wird dort gesungen, getanzt, die Alten machen Sport oder üben mit Wasser und überdimensionalen Pinseln Kalligraphie auf dem Asphalt.
 
solche Torbögen sind überall in der ganzen Stadt verteilt und an jeder halbwegs bekannten Ortschaft anzutreffen
Im Zentrum dieses Parks befindet sich der sog. Kohlehügel, welcher Aus der Erde errichtet wurde, die ausgehoben wurde, um die Verbotene Stadt mit einem Wassergraben zu umgeben. Oben angekommen, hatte ich einen absolut überwältigenden Ausblick. Man konnte die gesamte verbotene Stadt (ehem. Kaiserresidenz und zu sehen auf dem Bild hier) sehen. 
 
Die verbotene Stadt. PS: die Luft ist hier noch gut hier. ;)
Doch nicht nur das: in alle Richtungen in die man blickte, konnte man das Zentrum der 23-Millionen-Stadt bis zum Horizont sehen. Nahezu endlos erstreckten sich massenhaft Hochhäuser. Alt und traditionell oder neu, modern und gezeichnet von in Europa undenkbar ausfälliger Bauweise. Geformt wie Eier, völlig schräge Stahlriesen und dazwischen die Tempel des Kaisers und alles ist voller Leben. 3000 Jahre Geschichte treffen auf Modernismus und den Wandel der Zeit. Kaum zu glauben, dass das nur ein winzig kleiner Anteil der gesamten Stadt war.
Als es dann dunkel wurde und die Stadt in Lichtern aufblühte, begaben wir uns dann nach unten, gingen wieder mal essen. Ein Restaurant, in dem das 5-jährige Ladenbesitzer-Einzelkind mit seinem Handy spielt, dass meins total in den Schatten stellt, nebenbei die beschissenste Kinderzeichentricksendung überhaupt auf voller Lautstärke guckt; ein Restaurant, in dem es (wie in vielen anderen auch) 2 Karten gibt – eine chinesische auf chinesisch mit normalen Preisen und eine Ausländerkarte mit schlechtem Englisch und manchmal doppelt so hohen Preisen. Denn hier wird man gerne mal verarscht, weil jeder denkt, man kann eh kein Chinesisch und hat keine Ahnung von der Kultur, den Preisen usw. Da muss man viel aufpassen. Haben wir. Dann ging es wieder heim. Und DANN kam die Nacht die mich dazu veranlasste, mein Hostel gleich am nächsten Tag zu wechseln.

TAG4
Heute schliefen bereits alle 5 Mitbewohner vor mir – schwerer Fehler. Denn 3 der 5 haben so laut geschnarcht, dass es mich ganze 4 Stunden und unheimliche viele Nerven gekostet hat, um gegen 4 halb 5 wieder einzuschlafen. Bis 7, wo der der am lautesten war aufstand, sich 496573528402847 mal so widerlich wie möglich den Schleim der letzten 10 Jahre hochgeräuspert hat und dann mit irgendwas anderem ekelhaften weitergemacht hat. Kurzerhand hab ich Philipp geschrieben, er soll bitte nachfragen, ob sie bei sich noch ein freies Zimmer haben – ich musste da weg. Weitere 6 Nächte waren einfach undenkbar geworden. Das eklige Geräusper und Gerotze ist schon okay, aber nicht mitten in der Nacht, die ganze Nacht durch, am nächsten Morgen und das ununterbrochen. Philipp meinte, dass wir in ein Dreierzimmer umziehen können, was ich dann auch gleich befürwortet habe. Doch bevor ich umzog, hatten wir noch ein Date. Und zwar mit Lai Zhijin.
Frau Lai ist die ehemalige Leiterin des Konfuzius-Instituts Leipzig gewesen, bis sie dieses Jahr in Rente und damit wieder heim nach Peking ging. Da Philipp und Liu Tong dort arbeite(te)n und Stefan und ich dort mal Praktikum gemacht haben, lud sie uns für Donnerstag zum Essen ein und ich durfte zum ersten Mal erleben, wie ein chinesischer Haushalte aussieht, wie das Familienleben abläuft und vor allem das Essen daheim. Und es war: WAHNSINNIG TOLL. Es waren Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen, Bekannte (darunter eine Dozentin für chinesisch als Fremdsprache (CAF), die Leiterin des Büros für CAF an der Renda – also die Lehrer und Verantwortlichen für genau das, was ich hier machen werde und somit perfekte Connections für Philipp und mich) da, wir haben Geschichtsstunden von Liu Bobo (Frau Lais Mann) bekommen, während Frau Lais Enkelkinder wie wild den Hund Harry jagten, Frau Lai und die anderen Frauen die Jiaozi 饺子, kleine Teigtaschen und eins von Chinas Spezialgerichten, zubereiteten und alles wirkte so lebhaft. Erst hier bekam ich wirklich mit, was das chinesische Familienleben bedeutet. Es klingt normal und friedlich, ist aber völlig anders und nicht vergleichbar mit dem europäischen Familienleben. Und ein weiterer wichtiger Höhepunkt im Leben der Chinesen: das Essen!
Üppig, reichhaltig, ausgefallen und unglaublich lecker!

Da die beiden Jungens und ich alle Vegetarier sind, wurden die Jiaozi mit Spinat und Tofu anstatt mit Fleisch gefüllt, es gab Bohnen mit Knoblauch, Paprika mit Kartoffeln, Pilze mit Tofuhaut und nochmal Tofustreifen mit Gurke und Koreander. Das Essen war einfach umwerfend. Wir wurden von Liu Bobo permanent mit Bier versorgt und hatten ratzfatz 4 Gläser weg während wir ebenfalls permanent mit Essen versorgt wurden. Wir redeten über den Campus und die Wohnungen – immerhin saßen wir ja direkt an der Quelle –, lachten über Harry der hungernd an unseren Beinen klebte und vieles anderes. Nachdem das Gruppenevent beendet war, räumten wir ab, ich wollte vor lauter Sättigungsgefühl mal wieder sterben, es gab natürlich mehr Bier und Melone und am Ende gab es noch ein Gruppenbild der ganzen Truppe (siehe Bild) und dann zogen wir wieder unserer Wege. Die Boys heim, Liu Tong heim und ich auch – packen. 
 
Da sind wir mit (v.l.) Frau Lai, Liu Tong, Frau You (der Lehrerin), Wang Chunyu (Mitarbeiterin im KI) und Frau Rong. Vorne Frau Wangs Kinder Emely und Jessica.
Ich checkte aus, bekam mein Geld wieder und bin zu Stefan und Philipp ins Hotel gezogen. Im Regen. In der Rushhour. Bei 30 Grad. Hölle. Im Hotel angekommen, empfing mich purer Luxus im Vergleich zu dem davor. Wir packten aus und machten uns auf den Weg zur Sanlitun 三里屯, einem Bezirk, der von Touristen und Ausländern (外国人waiguoren oder 老外laowai wie sie -und wir- hier oft genannt werden) wimmelt und begaben uns in ein .. ja, was ist es? Ein Ort, an dem man freies WLAN bekommt, Essen uns trinken kann; ein Ort, der eine halbe Bücherei voller Romane ect. zur freien Verfügung stellt und wo Lesungen gehalten werden und Bands spielen. Alles zusammen also. Dort saßen wir dann und schrieben unsere Blogtexte. Eigentlich wollte ich da schon bloggen, aber egal unter welchen Internetbedingungen, Blogger geht nicht. Mein Internet ist also quasi tot. Regt mich ziemlich auf, somal nicht mal der VPN-Client der Uni geht. Nachdem unsere Texte halbwegs fertig waren, mussten wir dann aber gehen... Kacke. Dann ging es heim und dann relativ zeitnah ins Bett.

TAG 5
Ich schlief erstmals richtig aus, wir aßen gemeinsam und haben uns dann um 2 mit einer chinesischen Freundin von Stefan beim Himmelstempel 天坛tiantan getroffen.
Dort wurden Himmelsopfer für den Kaiser, gutes Wetter, Ernten usw. gebracht – ein riesiger Komplex an Plätzen, Toren, Straßen und Parks. Sehr beeindruckend und wie immer voll toller Architektur.. und Menschen. Mittlerweile war die Luft in Peking schon sehr schlimm geworden und nach mehreren 100 Metern wurden die Bäume schon blassweiß und die Hochhäuser waren nicht mehr sichtbar. Wir verließen den geschichtsträchtigen Ort und nachdem wir uns klassisch deutsch Kaffee und Kuchen gegönnt hatten, gingen wir auf die Qianmen Road 前门大街 qianmendajie, einer nahezu endlosen Straße, voller Läden und deren Mitarbeiter, die mit Mikrofonen in die Massen schreien und versuchen, mit lauter Musik Kunden anzulocken.
Wenn es dunkel wird, beginnt die Stadt meist erst richtig an zu leben. Die Lichter blinkten nahezu überall und es gibt keine ruhigen oder dunklen Orte mehr. Den Anfang der Qianmendajie und einen der leuchtenden Läden seht ihr hier.
Beginn der Qianmen Road
Dort waren wir dann noch essen. Die ersten Tage war mir ja wegen der Nervosität und wegen des Schocks nicht sonderlich nach essen, aber mittlerweile bin ich hin und weg. Das essen, auch wenn die Auswahl als Vegetarier relativ eingeschränkt ist, ist jedes mal ein Erlebnis und nicht zu vergleichen mit dem europäischen. Gegen um 8 machten wir uns dann noch auf den Weg zum Bookworm, dem All-in-One-Lokal vom vorherigen Abend und lauschten, da wir wie immer ewig brauchten, um zu finden, was wir gesucht haben, ganze 2 Minuten dem Bandkonzert, weswegen wir eigentlich dorthin wollten. Wir tranken noch was und danach wollten wir ein Taxi suchen. Geht eigentlich sehr fix in China, da wir uns aber wieder im Touristen- und Partyviertel befanden und sich dort bestimmt viele Leute sehr daneben benehmen, dauerte es eine ganze Stunde, bis jemand anhielt und uns dann auch noch mitnahm und nicht gleich wieder abgehauen ist. Während wir halb auf der Straße standen und versuchten, die Taxen heranzuholen, wurden wir bestimmt 100 Mal von Fahrern von Schwarztaxen nahezu belästigt und gefragt, wohin wir wollen. Schwarztaxen sind Fahrer, die illegal Leute mitnehmen und ohne Taxameter Presie verlangen. Außerdem steigt man ja eh nicht zu solchen Leuten ins Auto... Selbst, nachdem wir deren Angebote mehrere Male ablehnten oder sie gar ignorierten, gingen einige nicht weg und wir mussten manchmal härtere Töne anschneiden. Doch es kam noch schlimmer.. während unserer Wartezeit auf der Straße kam urplötzlich eine junge, betrunkene und verdrogte Frau an, stellt sich vor uns und beginnt nach Stefan zu schlagen. Er und ich wichen erstmal zurück, während Philipp die Frau versuchte aufzuhalten und ehe es in einer Prügelei endete, hielten wir sie fern und nachdem sie innehielt und uns ein paar Sekunden lang ansah, warf sie Philipp eine Beleidigung an den Kopf und ging blindlings auf die Straße zu und ging. Noch während uns der Schock der aggressiven Frau in den Knochen lag, packte mich Philipp plötzlich und schubste mich halb von der Straße. Ein Auto kam mit sicher 70 km/h direkt auf uns zu und hatte nicht vor, auszuweichen. Zwar ist der Verkehr hier ultra chaotisch und von Huperei durchzogen, die Leute achten aber meist noch darauf, dass ein kleiner Notabstand bleibt. Wir wollten nur noch weg und glücklicherweise kam dann auch noch ein Taxi, das bereit war die 3 komischen Ausländer mitzunehmen.

Heute am Samstag haben wir uns dazu entschlossen, mal einen Tag lang garnichts zu machen. Auch deshalb, weil die Luft heute so schlecht ist, dass sie als „very unhealthy“ eingestuft wurde. Innerhalb eines m³ ist eine Konzentration von knapp 250 Schadstoffpartikeln PM2.5 aufzufinden. Ab ca. 300 wird einem empfohlen, das Haus nicht mehr zu verlassen. Schon die Bäume auf der gegenüberliegenden Seite der Straße verblassen straff und die Wohnhäuser einen Block weiter sind schon halb weg. Das Atmen ist weniger schön und man denkt, man läuft durch eine dicke Nebelwand. Abends gehen wir eventuell dennoch in den Olympiapark, da wir dort sicher noch nettere Luft finden werden. Gerade sitzen wir in der Bar des Hotels und ich schreibe meinen Blogtext zu ende. Dann logge ich mich bei Philipp ein uns blogge von da aus, da ich es bei mir ja nirgends kann. Hoffentlich wird das im Wohnheim möglich sein.

Also dann Leute, ich hoffe, ihr habt durchgehalten und hattet Spaß, euch die Zusammenfassung meiner ersten richtigen Tage in Peking zu Gemüte zu führen. Morgen will ich mit den Jungs und Jindi, der Bekannten von Stefan, zur Großen Mauer fahren und Montag wollen Philipp und ich zum Campus und nach einem Einzelzimmer für das Wohnheim Fragen. Anna, unsere Kommilitonin und die Dritte, die in Peking studieren wird, kommt bald auch noch an und was die anderen Tage so passiert, wird sich zeigen.

Freut euch auf mehr!
Liebe Grüße, euer Thomas

4 Kommentare:

  1. du musst unbedigt mit mir in den bookworm gehen, wenn ich nach peking komme! viel spaß auf der großen mauer! liebe grüße von jana :)

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    1. MACHEN WIR!
      sag mal, du hast doch in der ersten Oktoberwoche auch frei, oder? wollen wir uns treffen?

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  2. Thomas, SUPER BLOG! Macht richtig Spaß zu lesen was du so erlebst. Hoffe du lebst dich schnell ein und alles wird besser! <3 Kristina

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    1. danke! freut mich, dass du ihn liest und er dir gefällt <3

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